Musik-Highlights im September
Rock, Schlager und Liedermacher: Diese sieben Album-Neuerscheinungen gehören im September in jede Musiksammlung.

Man könnte fast so etwas wie einen roten Faden sehen hinter unserer Tipp-Zusammenstellung für den September. Weil wir gleich fünf deutsche Künstlerinnen und Künstler in den Fokus nehmen, die für sich genommen die deutsche Musiklandschaft über viele Jahrzehnte geprägt haben. Weil einige von ihnen ganz runde Jubiläen feiern. Und weil das für sie auch Anlass zu einem umfangreichen Blick zurück ist. Thematische Überschneidung Nummer zwei: das eigene musikalische Erbe. Nachzuhören auch bei Queen-Drummer Roger Taylor und den Metallern von Five Finger Death Punch, die „Legacy“ und „Leben“ gleichermaßen besingen. Das mit dem Herbst des Lebens, auf den einige von ihnen zusteuern, haben wir aber nicht gesagt …

Annett Louisan
Sehnsucht

Wo endet die Sucht, wo fängt das Sehnen an? Bei Annett Louisan, dieser großen deutschen Chanteuse, war die „Sehnsucht“ immer besonders groß. Seit ihrem Durchbruch mit „Bohème“ hat sie mehr als 1,5 Millionen Tonträger verkauft, gelebt, geliebt und wahrscheinlich auch gelitten. Zumindest ist sie unmittelbar vor Erscheinen des Albums mit dem Bekenntnis an die Öffentlichkeit gegangen, dem Alkohol abgeschworen zu haben. Nicht aus Gründen der Sucht, sondern vor allem, weil sie wieder „echt“ fühlen wollte. Etwas, das sie nun auch auf „Sehnsucht“ zum Ausdruck bringt, ihrem elften Album. Hier darf das Sehnen neben der Sucht, das Bittere neben dem Süßen stehen. Und wenn die „Königin der Nacht“ das Ende einer Beziehung besingt (oder eher beschwört) im jazzigen „Ich kann dich nicht mehr sehen“, dann duckt man sich als männlicher Hörer unwillkürlich weg. Obwohl das schon alles vor allem eines ist: sehr schön!

Five Finger Death Punch
Legacy

„What happens in Vegas, stays in Vegas“? Nicht im Fall der US-Metalgrößen von Five Finger Death Punch, die es in der eigenen Blase nicht immer leicht hatten, nun aber auch schon auf gut 20 Jahre im Musikgeschäft zurückblicken können – und zwar längst nicht nur in Nevada bzw. der heimischen Glitzermetropole. Rund drei Jahre haben sie am Material zu ihrem neuesten Wurf gearbeitet, etwa 30 Songs geschrieben und nur das Beste in die „Legacy“ aufgenommen, eine Sammlung von Songs, die im Blick zurück auch einen Aufbruch zu neuen Ufern bedeutet. So intensiv, drängend und stimmgewaltig klangen die Mannen um Gitarrist und Gründungsmitglied Zoltán Báthory und Sänger Ivan Moody jedenfalls schon lange nicht mehr. Für ein „Vermächtnis“ ist es deshalb vielleicht noch etwas früh. Aber das eigene Erbe in die Zukunft zu tragen, das ist auch nicht ganz ohne …

Roger Taylor
Violence Insane in a Beautiful World

Freddie Mercury und Brian May – das waren immer die großen Namen, die auch nach dem Ende von Queen noch oft zu hören waren. Drummer Roger Taylor hingegen wird nicht ganz so viel Einfluss zugestanden. Dabei war er auch als Songwriter an Hits wie „Under Pressure“, „Radio Ga Ga“ oder „A Kind of Magic“ beteiligt und brachte es seit 1981 auf mittlerweile – den neuesten Wurf mit eingerechnet – sieben Soloalben. „Violence Insane in a Beautiful World“ bringt immerhin schon im Titel auf den Punkt, was uns derzeit alle beschäftigt und beschäftigen sollte. Wobei Taylor, gleich mehrfach vom Ndlovu Youth Choir unterstützt, zuerst die Schönheit der Welt besingt, bevor er direkt im Anschluss krankhafte Gewalt anprangert. Neun der zehn Songs stammen dabei aus seiner Feder, nur „eine der größten Balladen, die je geschrieben wurden“ (Taylor), stammt nicht von ihm: John Lennons „Jealous Guy“, mit dem er das Schlussdrittel eines starken Albums einläutet.

Matthias Reim
Flashback

Nächstes Jahr im November wird Matthias Reim 70 Jahre alt. Und die Aussicht auf die fast biblische Zahl dürfte auch bei ihm den ein oder anderen „Flashback“ ausgelöst haben. Zurück ins Jahr 1990 zum Beispiel, als gefühlt jeder seinen Durchbruchs-Hit „Verdammt, ich lieb’ dich“ auf den Lippen hatte. Oder zurück zu seinen vielen Jahren mit Kollegin Michelle, mit der zusammen er Schlagertochter Marie gezeugt hat. Viermal war Reim verheiratet, sieben Kinder von sechs verschiedenen Müttern stehen zu Buche – eines davon 2022 tragisch ums Leben gekommen. Der Mann hat gelebt. Und: Er hat uns (immer noch) etwas zu erzählen. Die Stationen seines Lebens – und seine größten Hits – lässt er für „Flashback“ in völlig neuen Kompositionen aufgehen. Und indem er das Gestern im Heute musikalisch reflektiert, rüstet er sich auch für das Morgen. Denn fertig hat Matthias Reim noch lange nicht.

Wolfgang Petry
Ein Leben lang

Kann es sein, dass der September der Monat der auf ihr Leben zurückblickenden Schlager- und Songwriter-Recken ist? Überpünktlich zu seinem 75. Geburtstag (damit ist er ein paar Jahre älter als Kollege Reim) veröffentlicht „Wolle“ Petry mit „Ein Leben lang“ ein Geschenk an sich selbst und an seine Fans. Denn zusätzlich zum 75. begeht er auch noch sein 50. Bühnenjubiläum – was wiederum in 50 Jahren Freundschaft zu seinen Fans zum Ausdruck kommt. Statt aber nun 50 Best-of-Songs zu veröffentlichen, beschränkt Wolfgang Petry sich auf neues Material (auf dem er freilich auch den ein oder anderen Blick zurückwirft). „Die alten Lieder“ oder „Zehn Mark“ zeugen vom nostalgisch gefärbten Blick zurück, während „Weiter immer weiter“ schon zeigt, dass seine Reise noch lange nicht zu Ende ist. Im streng limitierten Deluxe-CD-Set übrigens mit „Wolle“-Freundschaftsbändchen und -Freundschaftsbuch.

Reinhard Mey
Schatzhauser

Ein bisschen weit hergeholt ist es natürlich schon, Reinhard Mey in eine Reihe mit „Wolle“ Petry und Matthias Reim zu stellen. Mit den beiden hat er zwar sein relativ fortgeschrittenes Alter und das musikalisch gewaltige Output gemeinsam, aber lyrisch und musikalisch spielt Reinhard Mey seit mehr als 60 (!!) Jahren in einer eigenen Liga. Mit bislang 40 (und jetzt: 41!!) Studioalben in drei Sprachen hat er einen Ton gesetzt, der in der deutschen Musiklandschaft seinesgleichen sucht. Leise, aber bestimmt, zurückhaltend, aber drängend in der Sache, klug, aber nie belehrend. Jetzt, im Herbst seines Lebens, bricht Mey mit ein paar seiner Gewohnheiten: Statt im Frühjahr erscheint das Album ebenfalls im Herbst, aufgenommen hat er es komplett im Alleingang und inhaltlich orientiert er sich zwar an Wilhelm Hauff, meint aber doch sich und uns, Leben und Sterben, Weinen und Lachen. Das musikalische Äquivalent zum Sonnenuntergang auf dem Cover, den wir in einen Aufgang umdeuten wollen. Damit es noch für ein paar weitere so schöne Alben reichen möge.

Gentleman
Gratitude

Und wir spannen den Referenzbogen noch ein wenig weiter, wenn wir auf Reim, Petry und Mey nun Tilman Otto alias Gentleman folgen lassen. Der singt schließlich eher selten auf Deutsch und hat mit deutscher Musikkultur ungefähr so viel zu tun wie Bob Marley mit Schlager. Aber: In dem, was er tut, gehört Otto nun auch schon seit mehr als 30 Jahren zu den absolut prägenden Figuren der deutschen Musiklandschaft. Weshalb auch er mit „Gratitude“ ein Stück weit zurückblicken darf auf das, was ihn geprägt und zu dem gemacht hat, der er heute ist. Und damit ist er – zahlreiche internationale Features der Vergangenheit hin, jamaikanische Roots her – immer noch stark auch in der hiesigen Musiklandschaft verortet. Wie auch seine Freundschaft zu Michael Patrick Kelly beweist, mit dem er hier zum wiederholten Mal einen gemeinsamen Song aufgenommen hat.   

 

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